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Gegenwartslyrik Marokkos

In dieser vorletzten Veranstaltung unserer Lese-Reihe LITERATUR ALS WIDERSTANDSKRAFT steht die Sprache und Literatur einer Ethnie im Mittelpunkt, die in ihren Ländern als autochthone Gemeinschaften lebt: den Berbern (Imazighen) in den verschiedenen Ländern Nordafrikas.

Das Tarifiyt (Tamazight) ist die Sprache der Imazighen (Berber) im Norden Marokkos und Muttersprache der Mehrzahl der Menschen mit marokkanischem Migrationshintergund in Belgien, Deutschland und den Niederlanden. Seit den 1970er-Jahren gibt es eine moderne Tarifiyt-Literatur, die sich auch intensiv mit gesellschaftlichen Themen befasst. In dieser Lesung werden wir Poesie zu den Themen Migration, politische Unterdrückung und kulturelle Verfremdung von Dichtern wie Ahmad Ziani, Abdelwahid Hennu und Ali Amazigh auf Tarifiyt und auf Deutsch vortragen. Die deutsche Übersetzung wurde eigens für diese Veranstaltung angefertigt.

Vortragende: Prof. Dr. Maarten Kossmann und Dr. Khalid Mourigh, Universität Leiden, Niederlande, Moderation: Georg Schaaf, ArDeLit, Teilnahme frei.

Maarten Kosmann, Professor für Berberstudien an der Universität Leiden, Niederlande, erläutert die Bedeutung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in den Berbersprachen und die Bedingungen, unter denen diese sich gegenüber äußeren Spracheinflüssen über viele Jahrhunderte bis heute behaupten konnten.

Dr. Khalid Mourigh, arbeitet zzt. als Wissenschaftler und Autor unabhängig von Institutionen, rezitiert an diesem Abend ausgewählte Gedichte auf Berberisch. Gemeinsam mit Maarten Kossmann hat er „An Introduction to Tarifiyt Berber (Nador, Morocco)“ veröffentlicht, erschienen im Ugarit Verlag, Münster.

Anmeldung efm@gmx.info – Die Zugangsdaten werden nach Anmeldung per Mail zugeschickt.

Diese Lesung wird gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.

LINK zum Mitschnitt der Lesung: https://www.youtube.com/channel/UCEDt7RXcjaD_fIkFFMA4Gwg

„Sag, warum passen wir nirgendwohin…?“ (Ahmad Ziani: Allal)

Die Literatur der Imazighen (Berber) Marokkos (und Nordafrikas) hat eine lange und umfangreiche mündliche Tradition. Sie beschäftigte sich mit allen wichtigen gesellschaftlichen und Lebens-Themen, auch mit Kritik und Kommentaren zur Politik. Begleitet wurden die Gedichte und Lieder stets auf dem großen Tambourin. Seine speziellen Rhythmen sind bis heute beliebt, z. B. bei den Rappern, die scherzhafte Schmäh-Lieder über die Zustände in der Politik schreiben; das Tambourin ist daher weiterhin im Einsatz und wird kombiniert mit elektronischen und anderen Instrumenten. 

An diesem Abend stellten Maarten Kossmann und Khalid Mourigh fünf der bekanntesten und beliebtesten zeitgenössischen Gedichte und ihre Autoren vor und damit die drei wichtigsten Themen der modernen marokkanischen Literatur: die Emigration, die Unterdrückung und der Verlust der eigenen Kultur, die Verfremdung durch die Arabisierung.

Diese neue Tarifiyt-Literatur, geschriebene Poesie, entstand in den 60er Jahren sowohl in Marokko als auch in den Niederlanden, dem Haupt-Einwanderungsland der Rif-Bewohner:innen Marokkos, infolge der ersten großen Auswanderungswelle, die auch nach Belgien und Deutschland führte. 

Geprägt wird diese Poesie teils von der mündlichen Tradition, teils von arabischen Mustern. In den Kultur-Vereinen – und inzwischen hauptsächlich übers Internet – werden das Tarifiyt gepflegt und ihre Literatur verbreitet, ein Teil der Werke ist ins Niederländische oder Französische übersetzt. 

An diesem Abend waren somit erstmals eigens für diese Lesung von Maarten Kossmann ins Deutsche übersetzte Gedichte zu hören: als erstes zwei berühmte Gedichte von Ahmad Ziani, dem ersten großen Dichter dieser neuen Poesie: 

In Stein soll ich schreiben“

/…/ Das Wort ist mein Freund, seit ich bin, seit der Kindheit; / Das Wort, wie ein Stängel im Leib gewachsen,/ Ich hab’s bei der Mutter getrunken als Trunk,/ Gehört in der Wiege, als Schlaflied zum Schlafen. /…// Ich bring es zum Glänzen, als wär es der Vollmond,/ wie Wasser der Quelle, das fließt durch den Sand. /…/

Allal“:

/…/ Sag, warum passen wir nirgendwo hin?/ Wir sind auf dem Wege, das Leben im Beutel,/ Die Sonne verbrennt uns,/ Sturmwind peitscht uns, ständiges Dunkel./ Wir sind wie Orangen im Markt, wo man feilscht./ Der eine sagt: Bitter! Der andre sagt: Sauer!/ Ein weit’rer sagt: Weg! Sie gehören nicht hierher!/ Sie sind unannehmlich für uns, schafft sie weg!  /…/

Sie (d. h. seine Kinder) gehen zur Schule, zum Lernen für’s Leben./…/ Die Hinyya macht alles genau wie die Karin/ Und trägt einen Minirock statt der Gandoura/ Und schneidet die seidenen Haare ich kurz./ Allal brennt im Innern ein frostiges Feuer,/ Ihm lodert die Leber, es sticht ihm das Herz/ / Er kann’s nicht verbieten, sie weigern sogar,/ Zurück in die Heimat zu fahren, halten fest/ Wie Wolle, die trocknet auf dornigen Zweigen./ Löse das Rätsel, mein Bruder – wie weiter?

Mimoun Elwalid (geboren 1959), der bekannteste Protestsänger des Rif, hat das folgende Gedicht im Gefängnis geschrieben:

„Aus den Tiefen der Erde“

/…/ Aus der Scharte der Tage betracht’ ich die Wolken/ Und seh’ einen Schimmel ; er jagt durch mein Herz./ Mein Herz ist die Trabrennbahn all’ meiner Ahnen,/ Wo die Hufe der Pferde die Wege fressen. /…/

Das folgende Liebesgedicht von Ahmad Ziani  zeigt auf besondere Weise die großartige und faszinierende Ausdruckskraft dieser Lyrik – es bleibt in der Schwebe, wer die Geliebte ist:

„Ein Gespräch“ 

/…/ Ich sagte ihr: „Ich werd’ dich suchen, / Jeden Tag, du, die die Sonne,/ Der Schatten bist, du, die / Dem nackten Leib zur Decke bist./ Du, die du das Leben bist,/ Du, die du die Freiheit bist.“

Die vorgestellte Gedicht-Auswahl dieses Abends zog alle Zuhörer:innen in den Bann – trotz des eher distanzierten Online-Formats entfalteten die Bilderkraft der Sprache, die anspruchsvolle Präsentation der Texte und die schöne zweisprachige Vortragsweise eine Dynamik, die sich im anschließenden Gesprächs-Teil fortsetzte.

Kossmann und Mourigh, beide Sprachwissenschaftler, beantworteten und kontextualisierten die unterschiedlichsten Fragen aus dem Publikum – interessant und spannend z. B. die Betrachtung der Entwicklung der Sprache (das Tarifiyt) und deren Verschriftlichung, die seit den 70er Jahren einsetzte. Es gibt eine alte Schrift, die aus der Antike stammt und 2001 mit der Gründung des IRCAM (Amazigh Institut) offiziell neu konzipiert wurde; doch meist wird heute in lateinischen Buchstaben geschrieben. Das Tarifiyt wird in Nordost-Marokko gesprochen und gehört zur Tamazight-Sprachfamilie (wie Deutsch zum Germanischen). Es wird in Marokko und Algerien, aber auch in der Sahara und in der Sahelzone (von den Tuareg) gesprochen. Darüber hinaus gibt es einige kleine Sprach-Inseln in Libyen und Ägypten. Der Unterschied zum Arabischen ist sogar noch größer als der Unterschied z. B. zwischen Niederländisch und Russisch. Ein Amazigh aus dem Rif und ein Amazigh aus dem Süden Marokkos können einander nicht verstehen. Dennoch wurde 2011 eine Standardsprache geschaffen, eine Art allgemeine marokkanische Amazigh-Sprache, die von niemandem gesprochen wird, jedoch in den Schulen unterrichtet.

Man kann also sagen, dass der Fortbestand der lange vernachlässigten und abgewerteten Amazigh-Sprachen nicht bedroht ist, dass die Poesie der Imazighen lebendig bleibt, dass ihre Verbreitung und Publikationen im Ausland möglich ist und dass für ihre Verbreitung vor allem durch das Internet gesorgt wird. 

Für mehr Informationen: Videos von und mit Dr. Khalid Mourigh: https://khalidmourigh.nl/berber/ und https://www.youtube.com/channel/UCEDt7RXcjaD_fIkFFMA4Gwg

Interview mit Prof. Dr. Maarten Kossmann, Leiden: https://consent.youtube.com/m?continue=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DIwajZOxpfOQ&gl=DE&m=0&pc=yt&uxe=23983172&hl=de&src=1